Das Kontinuum-Konzept nach Jean Liedloff


Was sind nun unsere Bedürfnisse vom Beginn unseres Lebens an? Der Ursprung, der Anfang des Daseins, der Beginn unserer Menschwerdung liegt in jener Welt vor unserer Geburt, in jener relativ langen Zeitspanne vor unserem Geboren-Sein. Dort ist all das verborgen, wonach wir später auf der Suche sind: auf der Suche nach dem Glück, nach dem Geborgensein, Wohlbehagen, nach der Gesundheit und nach dem selbstverständlichen, nicht hinterfragten Gefühl der willkommenen Richtigkeit unserer Persönlichkeit, unseres Selbst, unseres Daseins. Dies heißt, daß wir im Ursprung, durch die Evolution, mit allem ausgestattet sind, was wir brauchen, um glücklich leben zu können. Das impliziert, diese Anlagen zu erhalten, denn eines unserer wichtigsten Bestrebungen muß es sein, seelische Krankheiten zu verhüten, Gesundes gesund zu erhalten.

Das Entscheidende liegt in der Prävention. Präventives Vorgehen heißt hier, dem einzelnen Menschen vom Anbeginn seines Werdens, den Raum zu seiner eigenen Entwicklung zu belassen. Das ist der Kerngedanke des Projekts „Die Emanzipation des Kindes".

Die Erkenntnis, daß die gesunden Phänomene der menschlichen Entwicklung und nicht nur mehr die aus dem Gleichgewicht geratenen in den Blick genommen werden müssen, findet sich bei Jean Liedloff in ihrem Buch: „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit" auf faszinierende und verblüffend einfache Weise bestätigt. Sie lebte einige Zeit mit einem indianischen Volk zusammen und war beeindruckt von derem offenkundigen Glück. Zitat aus der Rezension des Buches: Sie „versucht, die Ursachen dieses glücklichen und harmonischen Zusammenlebens herauszufinden" und „entdeckt dessen Wurzeln im Umgang dieser Menschen mit ihren Kindern und zeigt, wie dort noch ein bei uns längst verschüttetes Wissen um die ursprünglichen Bedürfnisse von Kleinkindern existiert, das wir erst neu zu entdecken haben."

Jean Liedloff's Buch erschien 1977 und fand eine große interessierte Leserschaft weltweit, auch und gerade bei professionellen Therapeuten. Beruflich bezogen bekam sie letztlich noch wenig Aufmerksamkeit und ihre Beobachtungen gingen bis heute noch kaum in praktische Überlegungen ein. Das heißt aber nicht, daß Jean Liedloff nicht Entscheidendes entdeckt hätte, woraus sich praktische Überlegungen und Handeln für unsere Kultur ableiten könnten.

Das Projekt, „Die Emanzipation des Kindes - Das Kontinuum-Konzept" gründet sich hauptsächlich auf J. Liedloff's beschriebene Erfahrungen und Beobachtungen. Ihr Kerngedanke geht von der Erkenntnis aus, daß sich der industrialisierte Mensch immer mehr von sich selbst entfernt hat und sich dadurch immer weniger selbst begreift. Er hat die Wurzeln seiner Existenz vergessen. Dadurch versteht er es auch nur unzureichend dem Kind Begleiter zu sein und seinen Erwartungen, die evolutionär festgelegt sind, gerecht zu werden.

Sie erkannte im Zusammenleben mit ihren indianischen Freunden das Kontinuum-Gesetz, das hervorgegangen ist aus dem evolutionär festgelegten Stabilitätsgesetz und sich darauf stützt. Sie beschreibt das so, Zitat: „Solange das vorausgehende Erfahrungskontingent nicht erfüllt ist, können die Erfahrungen der nächsten Stufe tausendmal vorkommen, ohne daß sie zum Reifen des Individuums beitragen würden". Wir bezeichnen diesen Vorgang so: Die biologischen Programme müssen erfüllt sein, wenn nicht intentionale Lücken entstehen sollen, mit deren Ausfüllen ein Mensch mehr oder weniger bewußt sein Leben lang zu tun hat.

Mit welchen Erwartungen tritt nun der Mensch in das Leben nach der Geburt? Wie wir wissen, wird er mit ihn bereits grundlegend prägenden Erfahrungen, die er im Mutterleib gemacht hat, geboren.

Zur Zeit der Geburt hat sich das menschliche Wesen, physisch wie psychisch, so weit entwickelt, daß es in die ungeschütztere Außenwelt heraustreten kann. Aus der schützenden, nun aber zu engen Innenwelt mit der Mutter hat es mit ihr die Geburt durchzustehen. Nach dieser erheblichen Anstrengung für beide, erwarten sie den prägenden Augenblick zueinander. Das Baby wird an seine Mutter gelegt, es beruhigt sich, alles ist vertraut, ihre Herztöne, ihre Stimme. Es wird gewartet, bis die Nabelschnur nicht mehr pulsiert. Der erste Atemzug wird nicht mehr durch Schlagen, Über-Kopfhängen und Luftnot erzwungen und dem damit verbundenen ersten (Angst-) Schreien die neue Welt erlebt. Es wird vielmehr abgewartet, bis das Baby seinen ersten Atemzug zu seiner Welt selbst bestimmt. Das kann etwas mehr Zeit benötigen, da das Baby sich mit völlig neuen Eindrücken vertraut machen muß, zusammen mit seiner Mutter.

Nach F. Leboyer wird nach eigenem ruhigen Atmen abgenabelt, es wird danach in warmem Wasser geschaukelt, was dem Mutterleib, der Schwerelosigkeit entspricht, es wird etwas herausgehoben, was dem neuen Gefühl der Erdenschwere entspricht. Dieses geschieht in mehrfachem Wechsel. Danach wird es wieder zur Mutter gebracht. So bekommt es einen kontinuierlichen Übergang, der ihn vom Streß des Geburtsvorganges befreien kann. Es kann sogar erstmals lächeln.

Es ist also durchaus machbar, dem Kind den Eintritt in seine neue Welt zu erleichtern, durch Menschen, die sich in die Lage eines Neugeborenen versetzen können.

Diese Fähigkeit sollte bei potentiellen Eltern, also Jugendlichen angesprochen und wieder freigelegt werden, sodaß sie, wenn sie einmal ein Kind erwarten, sich auf seine Bedürfnisse sensibel-erkennend einstimmen können, unbeirrt von Außeneinflüssen und unbestechlich durch "professionelle" Hilfe - vielmehr auf die unvergleichlich eindeutigeren Signale ihres Kindes und ihre eigene Einfühlung hörend. (Zielsetzung des Modellprojekts)




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