Die Neubewertung der Frau als werdende Mutter, die daraus zu erfolgende Unterstützung durch Familie, Gesellschaft und Staat


Wissenschaftliche Forschungen der letzten 3o Jahre haben erbracht, daß die ersten Schritte einer psychischen Entwicklung bereits im Mutterleib beginnen. Das werdende Leben wird maßgeblich und entscheidend durch ihre Einstellung beeinflußt und geprägt. Die daraus entstehenden Folgen werden in den anschließenden Thesen ausführlicher benannt. Die gesicherte Erkenntnis der prägenden Stimmung der Mutter auf das Ungeborene fordert die schützende und einfühlsame Unterstützung ihres Partners, ihrer Umwelt und nicht zuletzt eine neue
vertiefte Aufmerksamkeit der Gesellschaft und des Staates.

Die für uns - Gattung Mensch - existentielle Funktion der Frau als Mutter, die den Fortbestand unserer Art garantiert, wurde und wird noch zumeist unterbewertet. So kann es nicht verwundern, daß die meisten Frauen sich dieser Wertung anpassen und in ihrem Selbstverständnis als werdende Mutter und der darauf folgenden Verantwortung der geforderten „richtigen" Kind-"Erziehung" sich überfordert, als minderwertig, wenn nicht gar benutzt und mißbraucht fühlen. Das könnte einer der Gründe sein, nach der Beschreibung von Werner Gross: „Was erlebt ein Kind im Mutterleib", daß etwa 2/3 der Frauen eine für das werdende Wesen höchst ungünstige Einstellung haben. Nur etwa 1/3 ist dem Kinde bewußt und unbewußt zugetan.

Die o. g. Behauptung, daß die Einstellung der werdenden Mutter zu ihrem Kind prägend ist und für sein weiteres Leben die Grundlage seines Lebensgefühls bildet, fordern dringend Beachtung und eine Überprüfung der bisherigen Einstellung von Staat und Gesellschaft der Mutterschaft gegenüber. Sie müßte neu definiert werden, nämlich als das, was sie ist: die wichtigste Institution für den werdenden Menschen, für den Staat und die Gesellschaft.

In jeder werdenden Mutter vollzieht sich die Urszene der Menschheit. Es gibt keine vergleichbare Ausgangssituation für den Menschen, der ihn befähigt seiner Natur nach, die sich in Jahrtausenden von Jahren entwickelt hat, aufzuwachsen. Diese Entwicklung sieht vor: ein Grundgefühl von Vertrauen, Bedürfnisse des Angenommenseins, der Geborgenheit, des Wohlbefindens; nach der Geburt und in der ungestörten Kontinuitätsfolge dann ein Bewußtwerden der eigenen Person, des eigenständigen Wollens, der Entscheidungsfähigkeit und des sozialen Verhaltens.

Wenn diese Entwicklungsschritte für ein erfülltes Menschenleben so bedeutsam sind, ist daraus folgerichtig zu schließen, daß die Person, die Mutter, von der erwartet wird, daß sie ein kontinuierliches Heranwachsen ihres Kindes gewährleistet, ebenso geschützt werden muß. Dieser Schutz sieht vor, eine Atmosphäre der Geborgenheit, des Vertrauens, der Zuverlässigkeit, der Verständigung, der Liebe seitens ihrer Umwelt, die die hohe Empfindsamkeit der Schwangeren auffangen kann. Es kann einer Frau nicht zugemutet werden, die Verantwortung für werdendes Leben hauptsächlich allein zu tragen. Diese Überforderung verunsichert sie und trifft in ihrer daraus entstehenden negativen bis ablehnenden Einstellung das Ungeborene. Eine werdende Mutter sollte sich ihrer Wichtigkeit bewußt sein dürfen. Sie sollte über Regungen, Empfindungen, Unsicherheiten, Ängste, Freuden, Erwartungen sprechen dürfen, kurz: sie sollte die Schwangerschaft in all ihren Phasen, ihrer Bedeutsamkeit empfinden und genießen dürfen.

Wie sich der Partner zu seiner schwangeren Frau und damit dem Ungeborenen zuwendet, ist von entscheidender Bedeutung für das Kind und für den Vater. Je früher ihm gewährt wird mit dem Kind durch die Mutter Kontakt aufzunehmen, desto stärker wird seine Bindung an das Kind sein, verbunden mit Liebe, Zärtlichkeit, Schutzregungen, Verantwortungsgefühl.



INHALTSVERZEICHNIS