Thesen und Kurzausführungen zum Modellprojekt „Die Emanzipation des Kindes - Das Kontinuum-Konzept"

1. „Es wäre unsinnig zu glauben, daß die Seele erst mit dem Augenblick der Geburt zu wirken beginnt" (Ferenczi).

2. „Der Ursprung der Seele muß sich - wenn wir vom Prinzip der Leib-Seele-Einheit ausgehen - gleich wie der Ursprung des Leibes in der befruchteten Eizelle befinden „ (G. H. Graber).

3. Das Erleben beginnt vor der Geburt. (Publikationen dazu u.a. von K. Zimmer, W. Gross, G. H. Graber, L. Janus, T. F. Hau, D. Richter, S. Schindler, G. Schusser. - Literaturverzeichnis).

4. Der Fötus wird - weil von der Mutter abhängig - durch ihr Erleben - auch ihm gegenüber - geprägt, im positiven wie negativen Gefühl. Er spürt von Beginn an, ob er erwünscht oder unerwünscht ist, wie z. B. schon den Gedanken an eine Abtreibung. Hautkrankheiten haben ihren Ursprung im Mutterleib, einer z. B. während der Schwangerschaft dem Fötus gegenüber gleichgültig, nicht beachtend eingestellten Mutter (F. Lake in J. Liedloff „The Continuum- Concept").Dieses Grundgefühl bestimmt sein ganzes späteres Leben (G. H. Graber, I. Milakovic).

5. Neurosen, Psychosen, psychosomatische Krankheiten, Verhaltensstörungen haben ihren Ursprung im Milieu des Mutterleibes (W. H. Hollweg). Daraus folgt, daß Prophylaxe lange vor der Zeugung beginnen muß, bei den potentiellen Eltern. Das bedeutet vorzeitige Information über die Bedürfnisse des Menschen und deren Erfüllung von Anfang an. Das bedeutet vorzeitige Auseinandersetzung der potentiellen Eltern und genaueste Klärung wie und ob man die Bedürfnisse des Kindes voll erfüllen kann(G. Schusser).

6. Gesundheits- und gesellschaftspolitisch heißt das: in Folge weniger zu behandelnde Krankheiten, Kostenentlastung im Gesundheitswesen und der Solidargemeinschaft. Weniger Kriminalität bedeutet weniger Belastung der Justiz und Polizei und damit u.a. auch Entlastung der Steuerzahler. Stattdessen entsteht mehr Gemeinschaftsgeist; durch kontinuierlich durchlebte Entwicklungsstufen entsteht mehr soziales Empfinden und Verhalten.

7. Die Kontinuität in den Entwicklungsstufen - physisch wie psychisch - muß garantiert sein, um den Menschen in seiner ursprünglichen Veranlagung nicht zu stören, zu behindern, zu irritieren. Dazu gehört ein Grundgefühl des Sich-glücklich-fühlen, später, mit dem Laufenlernen, für sich selbst verantwortlich sein zu wollen, sozial zu werden, nicht ansprüchig, beziehungsfähig.

8. Der stärkste und folgenschwerste Bruch des Kontinuumgefühls ereignet sich nach der Geburt: da der Mensch, im Gegensatz zu vielen anderen Lebewesen, nach der Geburt noch nicht laufen kann, muß er bis dahin außerhalb am Mutterleib weitergetragen werden. Stattdessen befindet er sich nach der Geburt die meiste Zeit in einem Gitterbett, wo alles leblos, fremd ist. Die vertrauten Herztöne der Mutter fehlen, ihre Stimme, ihr Geruch, nah bei ihr sein, passiv Mit-sich-geschehen-lassen im lebendigen Leben der Mutter und dadurch in vertrauter Sicherheit und Geborgenheit seine Umwelt kennenlernen, die er, wenn er soweit ist, dann auf eigenen Füßen weiter erforscht. Stattdessen erlebt er Ureinsamkeit, Angst, Verlassenheit. Der Ursprung für spätere Aggressivitäten ist gegeben, auch die Suche nach dem verlorenen Glück, daß es doch irgendwo geben muß: im Jenseits bei einem Gott, in der Vervollkommenheitsthese der Reinkarnation, Esoterik, Sekten usw.

9. Ein Kind entwickelt sich nur dann optimal, wenn ihm als eigenständigem Wesen vertraut wird, es sozusagen als miterlebender Partner und nicht als Unterlegener behandelt wird, daß ihm das selbstverständliche Gefühl vermittelt wird, daß es gut und richtig ist, wie es ist und selbst am besten weiß - wenn dieses Gefühl nicht gestört wird - was für es gut ist. (Siehe Selbsterhaltungstrieb und Selbstverantwortung, J. Liedloff).

10. Ein Kind braucht keine Er-Ziehung, es braucht das Aufwachsenlassen, Orientierung an einer Bezugsperson (Mutter, Vater, später Familienmitglieder), die es bei Bedarf zuhilfe nimmt, bei der es sich in neuen, unbekannten Situationen rückversichern kann. Eine Mutter hat nur die Aufgabe, es auf seinem Weg liebevoll zu begleiten und zur Verfügung zu stehen, wenn es sie braucht.

11. Seine Familie erwartet von ihm, daß es sich seinem Alter nach sozial verhält, denn es hat ja bereits erlebt - z.B. beim Getragenwerden - wie seine Familie das gemeinsame Leben gestaltet. Paßt etwas nicht in das soziale Gefüge, so wird man es freundlich auf sein Verhalten hinweisen, ohne daß es in seinem Grundgefühl der „Richtigkeit", des Geliebtwerdens tangiert wird (J. Liedloff).

12. Es schadet einem Kind und seiner Ich- Organisation, wenn ihm Dinge abverlangt werden, die es noch gar nicht in seinem „Blickfeld" hat. Die Folge ist: es fühlt sich überfordert, minderwertig in seiner Unfähigkeit, ist irritiert und gestört in seinem eigenen Zusammenhang und Wohlgefühl: in seinem Kontinuumgefühl ( J. Liedloff).


Diesen Thesen liegen hauptsächlich die Erfahrungen zugrunde, dieJ. Liedloff bei einem lebenden Volk gemacht hat, das glücklich und selbstbewußt ist. Diese Erfahrungen hat sie in einem Buch niedergeschrieben und mit den Erziehungsprinzipien unserer kulturellen Welt verglichen. Dabei hat sie festgestellt, daß wir nicht glücklich sein können. Wir haben es seit frühester Kindheit verlernen müssen, nach unserem Kontinuum aufwachsen zu wollen. Wir geben unsere, daraus entstandene, fragwürdige Kontinuität an unsere Kinder weiter: merkwürdiger „Trost" wie, das Leben ist kein Zuckerschlecken, wäre das Leid nicht, erlebte man die Freude als solche nicht und könne sie nicht erkennen usw., sollen uns für nicht gelebte Ganzheit irgendwie entschädigen.

Die Technik überrollt uns, berücksichtigt die Natur nicht. Der Intellekt beherrscht das Gefühl, wir werden überflutet mit Nachrichten, die meistens schrecklich sind, aus Ländern, die so weit weg sind, daß sie uns gar nicht persönlich berühren können. Wir kommen in unserer eigenen Gefühlswelt immer mehr zu kurz.

Dabei hat es aber auch noch nie so viel Erforschung über das Verhalten des Menschen gegeben, wie im vergangenen Jahrhundert. Die Gründe dafür waren eher negativen Ursprungs. Auffälliges Verhalten, das Familie und Gesellschaft stört, war der Anlaß. Wir haben viel erkannt und erforscht. Die „Eingeweihteren" sind bei der pränatalen Phase angekommen. Nun müssen wir aufpassen, daß Forschung nicht zum Selbstzweck wird. Wir müssen vorbeugen, das ist einfacher als auffälliges Verhalten zu behandeln. Da ist schon zu viel gestört und zerstört und kaum wieder zu reparieren.

Wir sind in der Forschung den Weg von oben nach unten gegangen, d.h., von auffälligen, krank erscheinenden Phänomenen zu den ursprünglich noch gesund erlebten Phänomenen.

Nach der mühsamen und noch nicht abgeschlossenen Emanzipation der Frau war und ist der Mann nachgezogen. Aber das Kind als schwächstes Glied der Gemeinschaft, das sein ursprüngliches (Kontinuum-)Recht nicht einklagen kann, wird in Wahrheit noch übersehen, bis wir verstehen, daß es das wichtigste Potential unserer Gesellschaft ist, denn seine Erfahrungen sind die Grundlage unserer Zukunft und werden weitergegeben an die nächste Generation usw. Somit wäre die Emanzipation des Kindes unser aller Emanzipation.



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